Cargo Cult Agilistas +
Man liest ja mittlerweile soviel darüber. Überall wird darüber nachgedacht. “Wollen wir nicht auch agil sein? Der und der setzen es ja auch schon ein. Da muss was dran sein.”
Die Heilsversprechen des Agilen sind auch gewaltig. Kürzere Projektlaufzeiten, erfolgreiche Umsetzung, stabile, fehlerfreie Software in der Produktionsumgebung. Kunden, die endlich glücklich sind. Die einen mit einem Hand- statt mit einem Faustschlag begrüßen. Wer will das nicht?
Sorry, es mag an Ostern liegen. Jedoch jedes Heilsversprechen setzt Opfer voraus. Opfern muss man den Glauben an “silver bullets”, den Glauben, man könne sich mit einer Methode, mit einer Sorte Kugel aller Probleme entledigen. Auf einen Schlag. Mit einem Schuss (welche Rückschlüsse wohl Metaphern auf ihre Ursprungskulturen erlauben?). Einen Schuss hat, wer sich hinsetzt und beschließt heute agil zu sein. Schon gar nicht mit Begründung “weil es alle so machen”.
Denn im Kern bedeutet “agil sein” aus Managementsicht, die Kontrolle aufzugeben. Loszulassen. Lass die Leute machen. Bestimme ungefähr das Ziel. Aber lass sie den Weg alleine finden.
Wem das keine Angst macht, ist dumm.
Es ist doch so, dass Projektleiter, Teamleiter, Manager jedweder Couleur darauf gedrillt sind, zu kontrollieren. Das Wort “Micromanagement” wurde extra hierfür gefunden (in einem Stapel Dilbert-Cartoons). Es geht gerade bei der Softwareentwicklung immer um Kontrolle. Schliesslich geht es um viel Geld. Je höher der Einsatz, desto mehr Sicherheit wird gefordert.
Spezifikationen! Für mich wurden komplette Waldgebiete in Schweden entholzt. Mit den Konzepten und insbesondere den Spezifikationen, die ich in den letzten Jahren in Trance (nur im Stadium geistiger Umnachtung und Selbstleugnung ist es möglich) geschrieben habe, könnte ich ganze Ortschaften durch einen kalten Winter bringen.
Projektpläne! Mir saß vor Jahren ein mir unbekannter Manager im ICE gegenüber, ein riesiger Project-Plan ausgebreitet. Er grübelte. Sinnierte. Warf seine Stirn in tiefe Falten. Ich überlegte schon, wie ich ihn aus seinem Leiden befreien könne, da hatte er einen Geistesblitz: nahm einen Stift, strich drei Projekttage eines Entwicklers und verschob einen Task weiter nach links. Nun würde das Projekt ein Erfolg werden.
Morgendliche Statusberichte – kaum dass der Tag begonnen hatte, musste man schon lügen. Erstaunlich wie lange eine Aufgabe im Bereich von 80%-95% verbleiben kann. Was soll denn bitte “90% fertig” bedeuten bei dem Task “Usersuche ermöglichen”?
Wem das keine Angst macht, ist dumm. Jedenfalls wenn er ein Team hat, auf das er sich verlassen kann. Es geht schliesslich nicht um Spezifikationen, Projektpläne, Statusberichte. Es geht darum, dem Kunden das zu liefern, was er benötigt, um erfolgreich zu sein. Und in der Softwareentwicklung ist es zumeist – welch’ glorreiche Idee – Software.
Die wesentliche Frage also ist: habe ich ein Team, mit dem ich “agil” für den Kunden bessere Ergebnisse erzielen kann? Habe ich soviel Vertrauen, die vermeintliche Kontrolle aufzugeben?
Ist die Antwort hierauf ein klares “Ja!”, dann beginne mit einem Minimum an Regeln und Formalismen. Im Laufe der folgenden Iterationen wird das Team diese erweitern und für sich selbst zu einer besseren Organisation kommen.
Lautet die Antwort “nein” oder auch nur “hmmm, vielleicht”, dann renn’!
Mir kommen in letzter Zeit immer wieder Entwicklungsmanschaften unter, die “Scrum” machen oder einfach nur so “agil” sein wollen. Nur was ist “Scrum”, wenn Iterationen in einen MS Project-Plan gegossen, wenn Taskkarten mit einem ellenlange Regelwerk versehen, wenn Stand-Up-Meetings zur Statuskontrolle verhunzt werden? Auch mit dem schönsten Lippenstift bleibt eine Sau eine solche.
Was man teilweise beobachten muss, ist nichts anderes als Cargo Cult. Man überträgt Riten und Methoden unbekannter Kulturen in seine eigene. Ohne Sinn und Verstand – in der Hoffnung, die Erlösung würde schon eintreten. Jedoch – einen Daily Scrum zu tanzen, bringt weder Erleuchtung noch automatisch einen Erfahrungsaustausch und eine bessere Teamkollaboration.
Sorry, agile Softwareentwicklung ist simpel, mit gesundem Menschenverstand offensichtlich.
Das macht es aber auch gleichzeitig so schwer. In einer Matheklausur ging es einfach nur um Vektorrechnung. Ich war nach einer halben Stunde fertig. Alles war richtig. Ich konnte aber nicht glauben, dass es so einfach war. Also habe ich alles durchgestrichen und versucht, die Aufgaben kompliziert zu lösen. Ich habe gerechnet, geschwitzt, Gedanken und Berechnungen gewälzt und am Ende eine “fünf” bekommen. Nur deshalb keine “sechs”, weil der Lehrer sich offenkundig sehr amüsiert hatte.
Am Ende sagt dies zwei Dinge aus: das Schulwesen in Deutschland geht vor die Hunde und simpel ist ungeheuer schwer.
Wer sich auf dies aber nicht einlassen kann oder will, sollte sich nicht mit agiler Softwareentwicklung beschäftigen. Er würde alles nur pervertieren und einem naiven Kult huldigen.

Gerade passend: http://www.slideshare.net/deimos/rachel-davies-agile-mashups/
Bin allerdings sehr sauer, dass die werte Rachel Davies unsere Playmobil-Idee mit Lego kopiert hat…Tsts :)